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Kardinal Woelki

Liebe Schwestern, liebe Brüder,
liebe Betrachter der Ausstellung,

niemand kann die Frage mit hundertprozentiger Sicherheit beantworten, wer der Mann auf dem Tuch ist. Kaum ein Gegenstand ist in den letzten Jahrhunderten aufwendiger untersucht und erforscht worden als das Turiner Grabtuch. Es ist sicherlich eine Herausforderung für unseren Verstand. Kaum ein Gegenstand ist aber auch stärker verehrt worden als dieses Leintuch, das sich seit 1578 im Turiner Dom befindet.

So wie das Antlitz des Gekreuzigten das Tuch durchdringt, so durchdringt dieses Tuch den Glauben der Menschen, in dem es uns mit dem historischen Jesus und seiner Passion existentiell verbindet: „Das Grabtuch zeigt uns Jesus im Augenblick seiner höchsten Ohnmacht und erinnert uns daran, dass in der Erniedrigung dieses Todes das Heil der ganzen Welt liegt“, befand der Heilige Papst Johannes Paul II.

Vor über 2000 Jahren ging Josef von Arimathäa, der „gut und gerecht war“ (Lk 23,51) zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu. „Und er nahm ihn vom Kreuz, hüllte ihn in ein Leinentuch und legte ihn in ein Felsengrab …“ (Lk 23,53).
Von der Botschaft des Turiner Grabtuchs können wir uns nicht distanzieren. Sie geht uns unbedingt an und macht in aller Konsequenz deutlich, dass derjenige, den wir als Christus verehren, derselbe ist, der als Jesus von Nazareth gelebt und unter Pontius Pilatus gelitten hat. Und im Blick auf dieses Tuch wird die Vergangenheit zur Gegenwart im Glauben: Der Auferstandene ist der Leidende überall dort, wo Menschen leiden.

Von Herzen danke ich allen, die sich seit Jahrhunderten dem Erhalt, der Erforschung und der Verehrung des Turiner Grabtuchs gewidmet haben und widmen. Mein besonderer Dank gilt den Maltesern, die die Ausstellung „Wer ist der Mann auf dem Tuch? Eine Spurensuche“ vor einigen Jahren konzipiert, erstellt und nun überarbeitet haben. Seit Beginn der Ausstellung haben etwa 200.000 Menschen im deutschsprachigen Raum diese besucht.

Mit der neuen Ausstellung wird es nun möglich, sie auch international zu präsentieren. Somit werden noch viel mehr Menschen weltweit dem Antlitz des Gekreuzigten gegenübertreten und sich von ihm berühren und verwandeln lassen können – so wie die Malteser es seit Jahrhunderten in eindrucksvoller Weise tun, in dem sie die Worte Jesu zur Signatur ihres Handelns gemacht haben: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40) Denn das Leiden Jesu Christi, das uns im Turiner Grabtuch entgegenkommt, ruft nach unserem Entgegenkommen zur Linderung jeglichen Leids.

Ich wünsche dieser Ausstellung die Hingabe ihrer Besucherinnen und Besucher an das Geheimnis Jesu Christi – dem Heil der Welt.

Mit den besten Segenswünschen


+ Rainer Maria Kardinal Woelki
Erzbischof von Köln - Schirmherr der Ausstellung