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Wissenschaftliche Ergebnisse

Fotografie

Seit der ersten Fotografie des Grabtuchs versuchen Wissenschaftler verschiedener Disziplinen und auf unterschiedlichen Wegen, sich dem archäologischen Objekt „Grabtuch“ zu nähern:  U.a. sind es Mediziner, Kriminologen, Chemiker, Physiker, Biologen, Mathematiker, Textilkundler, Archäologen und Historiker. Naturgemäß führt dabei nicht jeder Weg zum Ziel; Umwege ergeben aber oft neue Impulse. Zudem werden die Ergebnisse wissenschaftlicher Recherchen ständig überprüft. Es gibt auf der Welt wohl keinen Gegenstand, der so viele Arbeitsstunden auf sich gezogen hat und gleichzeitig so kontro-vers diskutiert wird wie das Grabtuch von Turin.

1898 ist ein wichtiges Jahr in Italien. Anlässlich des 50. Jahrestages der Verfassung des Königreichs Sardinien und Piemont (später wird daraus das italienische Königreich) und der 400-Jahrfeier der Kathedrale von Turin soll im Rahmen einer Ausstellung sakraler Kunst das Abbild auf dem Grabtuch erstmals fotografiert werden. Die Erlaubnis dazu erhält Secondo Pia, Rechtsanwalt und Bürgermeister der Stadt Asti, ein leidenschaftlicher Amateurfotograf. Unter großem Zeitdruck macht er zunächst am 25. Mai 1898 zwei Probeaufnahmen im Format 21 cm x 27 cm. Am 28. Mai belichtet er dann die endgültigen Fotoplatten im Format 50 cm x 60 cm.

Wenn man einen Menschen mittels der analogen Technik fotografisch aufnimmt, erscheint bei der Entwicklung des Fotos auf dem Fotonegativ eine schattenhafte, unscharfe Gestalt: Dunkles ist hell geworden, Helles dunkel. Erst auf dem Positiv-Abzug stimmen dann Licht und Dunkel wieder. Doch was Secondo Pia auf der Negativplatte sieht, ist das genaue Gegenteil. Auf dem Negativ erscheint der Körper des Mannes auf dem Tuch deutlich und realistisch. Sein Gesicht wirkt lebendig und ausdrucksstark. Im Umkehrschluss wird klar: Es ist das entwickelte Foto (s. Bild rechts), also letztlich das Grabtuch selbst, das die Eigenschaften eines Negativs trägt. Als solches bildet es erst die Voraussetzung für den realistischen, „normalen“ Anblick des Tuchs, aber eben erst auf seinem Foto-Negativ. Doch wie entstand dieses Abbild auf dem Tuch? Tatsächlich wird bis heute darüber gerätselt. Es bleibt ein Geheimnis des Tuchs.

Erforschung des Grabtuchs ("Sindonolgie")

Das Tuch, das Secondo Pia fotografierte, ist nach der letzten Messung ein 441 cm langes und 113 cm breites, kostbares Leinenstück. Es zeigt eine blassbeige, schattenhafte, konturenlose Abbildung: Einen Mann in voller Länge, in Vorder- und Rückansicht.

Seit Secondo Pias Fotografie bemühen sich Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen mit ihren Methoden die Informationen des Grabtuchs zu entschlüsseln.

Ihre Forschungen werden oft mit dem Begriff der „Sindonologie“ zusammengefasst. Mit „Sindonologie“ ist kein neuer wissenschaftlicher Forschungszweig bezeichnet. Vielmehr gilt „Sindonologie“ einfach als Sammelbecken des ganzen Spektrums wissenschaftlicher Studien rund um die Entstehung, die Datierung und die Identität des Grabtuchs. „Sindon“ ist das griechische Wort der Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas für das Grableinen Jesu.

Zu den ersten Erforschern des Grabtuchs gehören ein Professor für Zoologie an der Pariser Sorbonne, Yves
Delage und sein Schüler, der Biologe Paul Vignon. Der Erste ein Agnostiker, der Zweite ein Katholik. Beide sind überzeugt: Kein Künstler des Mittelalters hätte einen menschlichen Körper anatomisch so korrekt darstellen können, wie er auf dem Turiner Grabtuch zu sehen ist.

Als sie ihre Erkenntnisse 1902 veröffentlichen, werden sie heftig angegriffen. Dies auch mit Kritik an ihrer wissenschaftlichen Beweisführung, vor allem aber mit dem Argument, dass sich wissenschaftliche Forschung nicht in den Dienst religiöser Themen stellen solle.

Auf der Grundlage neuer Fotografien des Grabtuchs von 1931 widmet sich ein erster Mediziner dem Grabtuch. Pierre Barbet ist Chirurg an einem Universitätskrankenhaus in Paris. In seinem Buch „Ein Arzt am Kalvarienberg“ beschreibt er das Leiden Jesu am Kreuz und die Ursachen seines Todes. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass das Turiner Grabtuch echt sein müsse, weil ein Arzt in ihm wie in einem Buch lesen könne. Ein Arzt wisse, wie ein menschlicher Körper auf die Tortur am Kreuz reagiert. Das aber zeige ihm das Grabtuch in medizinischer Präzision.

Barbet hat dabei als erster auf die ungewöhnliche Position der Handwunde aufmerksam gemacht. Durch die überkreuzte Stellung der Arme ist nur eine der beiden Handwunden sichtbar. Sie offenbart, dass der Kreuzigungsnagel nicht durch den Handteller, sondern durch die Handwurzel getrieben worden war. Dies widerspricht den Darstellungen der gesamten bisherigen Ikonografie. Sie zeigen die Handwunden des Gekreuzigten ausnahmslos im Handteller. (Siehe dazu auch das Kapitel „Handwunden“, S. 38ff.)

Auf dem Abbild fallen die fehlenden Daumen auf. An jeder Hand sind nur vier Finger zu sehen. Lange war man der Auffassung, dass es sich um eine Lähmung infolge einer Verletzung des „Nervus Medianus“ beim Eindringen des Nagels gehandelt habe, wodurch der Daumen nach innen gedreht worden sei. Dies stimmt aber mit der anatomischen Lage der Nervenbahnen nicht überein. Wahrscheinlich kamen die Daumen nicht in direkte Nähe zum Grabtuch und wurden so auch nicht abgebildet, weil sie, wie es ja auch natürlich geschieht, hinter die ihnen zugehörige Handinnenfläche zu liegen kamen.

Pflanzenkunde

Der Schweizer Kriminologe Max Frei-Sulzer darf 1973 erste Staubproben vom Grabtuch nehmen. Da er auf dem Gebiet der Pflanzenkunde promoviert hat, will er das Turiner Grabtuch auf Pflanzenpollen untersuchen. Pflanzenpollen können fest und für lange Zeit an Gegenständen haften bleiben. Sie überdauern unter bestimmten Voraussetzungen Jahrtausende. Sie sind für ihre Pflanzenarten so charakteristisch wie der Fingerabdruck für eine Person. Deshalb erlaubt es die Pollenkunde (Palinologie) unter bestimmten Umständen, den oder die Aufenthaltsort(e) eines Objektes zu rekonstruieren, unabhängig von dessen Alter: Kennt man erst die Pflanzenarten, die über ihre Pollen mit einem Gegenstand in Berührung gekommen sind, kann ihr jeweiliges geographisches Verteilungsmuster dabei helfen, den zurückgelegten Weg des betreffenden Gegenstandes nachzuvollziehen. Frei-Sulzer entnimmt 1973 und 1978 insgesamt 48 Haftstreifen mit einer speziellen Klebefolie auf einer Oberfläche von 240 qcm. Er kann 58 Arten identifizieren, die zu Pflanzen in Europa, Eurasien, im Mittelmeerraum und zum Nahen Osten gehören. Insgesamt finden sich 44 Pflanzenarten gehäuft in Palästina, 23 in Edessa und 14 in Konstantinopel. Frei-Sulzers Forschungen rufen positive und negative Reaktionen hervor.

Nach dem frühen Tod Frei-Sulzers gelangen die Proben in die USA und auf Umwegen zu Avinoam Danin und Uri Baruch, Pflanzenkundler der Hebräischen Universität von Jerusalem. Beide bestätigen den Großteil der Pollenanalyse Frei-Sulzers.

Danin findet zudem heraus, dass davon sich zwei Pflanzen, das „Buschige Jochblatt“ (Zygophyllum dumosum) und die „Dornige Distel“ (Gundelia tournefortii), in einem genau umschriebenen Gebiet der Wüstenzone Israels und Jordaniens konzentrieren. Möglicher Kontaktzeitraum für deren Pollen ist die Frühlingszeit um Ostern. Jedoch sind unter den Palinologen immer noch einige Fragen im Hinblick auf die Überlebensdauer einzelner Arten und der exakten Bestimmung ihrer Unterarten offen. Insgesamt wird aber klar: Die Pollen des Grabtuchs sind mit der überlieferten Tradition seiner „Reise“ von Jerusalem über Konstantinopel, Lirey und Chambery nach Turin kompatibel.

Das Abbild

Seit Beginn der „Sindonologie“ versuchen Wissenschaftler das Zustandekommen des Abbilds auf dem Grabtuch zu verstehen. Das Abbild als Gemälde schließen sie aus, unter anderem, weil weder Farbpigmente noch Pinselstriche zu entdecken sind. Das Grabtuchbild gleicht einer zweidimensionalen Projektion wie bei einer Fotografie. Das Bild kann daher weder ein natürlicher noch ein künstlicher Abdruck durch Anschmiegen des Tuches am dreidimensionalen Körper sein, da sich beim Flachstreichen des Tuchs zwangsläufig Verzerrungen der Körperproportionen ergeben hätten. Bis auf Blut und Serum findet man auf der Rückseite des Tuchs nichts, was auf Reste von durchgesickerten oder anders durchgedrungenen Bildspuren schließen ließe. Bis heute ist das Abbild nicht „handwerklich“ reproduzierbar. Sämtliche bis heute durchgeführten Nachahmungsversuche scheiterten: ihre physikalischen und chemischen Charakteristika fanden keine Entsprechung beim Grabtuch. Darüber hinaus ließen alle Abbildungsversuche die dreidimensionale Information und den Foto-Negativ Charakter des Originals vermissen. Aufschlussreich ist des Weiteren die Tatsache, dass das Abbild erst nach der Entstehung der Blutflecken zustande gekommen sein muss. Es ließ sich nämlich unter den Blutflecken keine bildgebende Verfärbung feststellen. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass das Tuch frei ist von Verwesungsspuren.

Ursprünglich wird das Natur-Leinen des Tuchs eierschalenfarben gewesen sein. Im Laufe der Zeit ist es dann zunehmend vergilbt. Im Bereich des Körperbildes aber ist diese Vergilbung außergewöhnlich stark, sie hebt sich deutlich sichtbar von der Tuchumgebung ab, hat aber in sich noch unterschiedliche „Farb“-Intensitäten.

Jeder Flachsfaden des Tuchs besteht aus 70-120 haarfeinen Flachsfasern. Aber nur wenige Fasern sind an der Oberfläche auch nur bestimmter Fäden in einem Umfang von einem Mikrometer (etwa 1/10 der Dicke eines Haares) von dieser verstärkten Vergilbung betroffen. Diese hauchdünne Vergilbungsschicht muss durch Oxydation und dem daraus resultierenden Wasserstoffentzug verursacht worden sein. Weitere Untersuchungen lassen vermuten, dass der Abdruck mit seiner dreidimensionalen Information durch eine Strahlung entstanden ist, die, vom Körper ausgehend, senkrecht auf das Tuch eingewirkt haben muss. An diesem Punkt wird es wohl unmöglich bleiben, dem Ursprung dieses Phänomens ausschließlich wissenschaftlich auf die Spur zu kommen.

 

Aus dem Abschlussbericht des „Shroud of Turin Research Projects“ (STURP), 1983:

„Die Wissenschaftler sind sich einig, dass das Bild durch etwas erzeugt wurde, das zur Oxydation (Sauerstoffaufnahme) und Dehydration (Wasserstoffentzug) der Mikrofasern des Leinens führte. Solche Veränderungen können durch unterschiedliche chemische und physikalische Prozesse entstehen. Kein bekannter chemischer oder physischer Prozess kann die Entstehung des Bildes völlig erklären, auch keine Verbindung physischer, chemischer, biologischer und medizinischer Um-stände.“

Bildanalyse

1977 untersuchen zwei amerikanische Physiker, Eric Jumper und John Jackson, ein Foto des Grabtuchs mit Hilfe eines speziellen, für den Weltraum entwickelten VP8-Bildanalyse-Verfahrens. Der Computer erstellt eine Helligkeitskarte nach den Entfernungen eines Objekts zum Objektiv in Werten zwischen schwarz (= 0) und weiß (= 255). Als sich das Ergebnis der Grabtuchanalyse auf dem Computermonitor aufbaut, staunen die beiden Wissenschaftler. Denn dort erscheint ein außerordentlich deutliches dreidimensionales Bild eines liegenden Mannes.

Worin besteht nun die dreidimensionale Information des Grabtuchs, vermittelt durch ein einziges Foto? Der Computer hatte errechnet, dass die unterschiedliche Intensität, also die unterschiedlichen Dunkelwerte der Abbildung des Gekreuzigten auf dem Tuch, exakt der jeweiligen Entfernung des Tuchs vom innenliegenden Körper entsprach. Diese Relation führte in ihrer errechneten Darstellung zu einem vertikalen Relief. Eine solche dreidimensionale Darstellung wäre von einer einzelnen, normalen Fotografie eines Körpers oder von einem Gemälde gar nicht ableitbar. Man erkannte, dass alles, was weiter als 4 cm vom Tuch entfernt lag, auf dem Tuch nicht mehr abgebildet wurde. Giovanni Tamburelli und sein Team von der Universität Turin verbessern ab 1978 noch einmal die Bildqualität dieser dreidimensionalen Darstellung.


Die Pilatus-Münze

1978 entdeckt der Physiker Dr. Eric Jumper auf einem der 3D-Bilder des VP8-Computers zwei runde Fremdkörper im Bereich der Augen des „Mannes auf dem Tuch“. In der Folge untersucht P. Francis Filas (S.J.) 1982 die Antlitz-Vergrößerung eines professionellen Schwarz-Weiß-Fotos.  In den runden Fremdkörpern erkennt er jetzt Münzen. Auf den Münzen identifiziert er sogar Buchstaben (Y CAI) und eine Art Krummstab. Tatsächlich findet daraufhin ein Münzkundler (Numismatiker) eine kleine römische Münze im gleichen Durchmesser, mit einem Augurenstab und einer griechischen Inschrift: „TIBERIOY KAICAROC“. Diese Münze aus Judäa ist dem Kaiser Tiberius gewidmet und wurde in den Jahren 29-32 vom Statthalter Pontius Pilatus geprägt. Bald darauf werden die gleichen Münzen mit einer Fehlprägung entdeckt. Statt des griechischen
K („Kappa“) in KAICAROC (griech. für Kaiser) verwendete

hier der Münzmeister versehentlich das lateinische C wie Caesar (lat. für Kaiser): „TIBERIOY CAICAROC“. Das von Pater Filas entdeckte „Y CAI“ könnte theoretisch also Teil-Abbild einer solchen, fehlerhaften Münze sein. Pater Filas erntet nach der Veröffentlichung seiner Erkenntnisse unter den Sindonologen viel Zustimmung und viel Kritik. Einige Grabtuch-Forscher anerkennen wohl die Tatsache runder, kleiner Objekte auf den Augen des „Mannes auf dem Tuch“, auch, dass es sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit um Münzen handeln könnte. Manche von ihnen bezweifeln aber, ob man in der unregelmäßigen Formung und Dichte der Silberkörner einer alten Schwarz-Weiß-Vergrößerung zweifelsfrei Buchstaben identifizieren kann. So faszinierend die Entdeckung der „Pilatus-Münze“ in diesem Zusammenhang ist, es sind bis jetzt keine weiteren, die Hypothese des Pater Filas bestätigenden Forschungen unternommen worden.

Blut Staub Mineralien

Die Frage, ob die Blutflecken auf dem Grabtuch aus menschlichem oder aus tierischem Blut bestehen oder einfach mit Pinsel und Farbe gemalt oder mit künstlichen Substanzen und Techniken erzeugt worden waren, beschäftigt die Wissenschaftler intensiv. Die entsprechenden Untersuchungen offenbaren das hohe morphologische und physiologische Detail-Niveau des Blutes auf dem Grabtuch. Verschiedene Lichtfilter-Untersuchungen und chemische Analysen diagnostizieren zweifelsfrei menschliches Blut. Forensische Untersuchungen machen klar: Das Blut entstammt den Wunden des „Mannes auf dem Tuch“. Unter dem Mikroskop lassen sich rote Blutkörperchen klar identifizieren.

Das Blut auf dem Grabtuch sieht weniger dunkel aus als altes Blut auf Textilien sonst. Das hat seinen Grund möglicherweise darin, dass der Anteil des Farbstoffs Bilirubin bei gefolterten Menschen massiv steigt. Die Blutgruppe AB ist offenbar noch umstritten. Darüber hinaus erkennen die Wissenschaftler, dass sich unter den Blutflecken kein Körperabbild befindet. Die Blutflecken erscheinen auf dem Tuch weder verwischt noch verzerrt, sie sind vollständig erhalten. Das Tuch zeigt keine Anzeichen von Verwesung in Gestalt von wässrigen Zerfallsprodukten. Zieht man zu diesen Erkenntnissen die  Fotonegativ-Eigenschaft  und die Dreidimensionalität des Abbilds hinzu, sind sämtliche Theorien menschengemachter, künstlicher Nachstellungen von Jesus im Grableinen oder  künstlerischer Gemälde für die Entstehung des Abbilds
auszuschließen.


1978 untersuchen STURP-Wissenschaftler (Shroud of Turin Research Project) das Grabtuch unter dem Elektronenmikroskop. Auf dem Abdruck des linken Knies, auf Ferse und Nase finden die Wissenschaftler winzig kleine Reste von Straßenschmutz.

Bei stärkerer Vergrößerung stellt sich heraus, dass es sich um kleine Aragonit-Kristalle handelt. Ein Mineral als Calciumcarbonat, in diesem Fall mit Spuren von Strontium und Eisen. Es kommt genau so in dieser Zusammensetzung in der Erde Jerusalems vor.

Gewebe

Mechtild Flury-Lemberg, Textilkundlerin und Restauratorin antiker Textilien, untersucht und konserviert das Grabtuch, zuletzt im Jahr 2002. Nach ihrer Einschätzung lässt sowohl die Gewebestruktur als auch die Machart des Webfadens auf eine antike, wertvolle, professionelle Handarbeit aus ungefärbtem Naturleinen schließen. Das Gewebe in der Struktur eines 3 zu 1 Spitzgratköpers („Fischgrätmuster“) könnte durchaus aus den Manufakturen des Vorderen Orients stammen. Sowohl für die Gewebeart, als auch für die Webkantenbildung gibt es Parallelen zu Gewebefragmenten aus den Funden von Masada, einer jüdischen Festung aus der Zeit Jesu. Sie wurde 74 n. Chr. von den Römern zerstört.

Datierung

1988 werden kleine Proben vom Rand des Turiner Grabtuchs in drei Laboren in Zürich (Schweiz), Oxford (England) und Tucson (USA) einer Radiokarbondatierung (C14-Datierung) unterzogen. Das Ergebnis: Das Leinen soll erst zwischen 1260 und 1390 entstanden sein. Dieses Ergebnis wird heute von vielen Experten, darunter selbst dem Leiter des Oxforder Labors, infrage gestellt: „Schon eine Verunreinigung von 2% genügt, um das Ergebnis um 1500 Jahre zu verfälschen“, erklärt Prof. Christopher Ramsey 2008. Über mögliche relevante Verunreinigungen gibt es unterschiedliche Hypothesen, aber bislang keine weiterführende Forschung.

Die Untersuchung weist eine ganze Reihe von Mängeln und Unvorsichtigkeiten auf: Es existieren keine validen Untersuchungsprotokolle. Deswegen ist zum Beispiel auch das genaue Gewicht der Proben nicht bekannt. Die Messlabore behalfen sich in offiziellen Verlautbarungen mit „ca. 50 mg“ pro Probe. Es wurden massive statistische Fehler nachgewiesen.

Die Gewebeproben wurden an einer einzigen Stelle aus der linken, oberen Ecke entnommen. Eine Stelle, die häufig angefasst wurde und die zu den am meisten verschmutzten Bereichen des ganzen Tuchs gehört. Dazu scheint diese Stelle einmal mit Fremdfäden repariert worden zu sein. Einzelne Proben von der gleichen Stelle führen zwar meistens zu ähnlichen Ergebnissen, sind aber nicht repräsentativ für den zu untersuchenden Gegenstand. Man hätte die Proben an ganz unterschiedlichen Stellen des Grabtuchs nehmen müssen.

Der amerikanische Arzt Leonardo Garca-Valdes postuliert 1999, dass antikes Leinen, wenn es der Luft ausgesetzt ist, oft von einer Ablagerung aus Bakterien und Schimmelpilzen bedeckt sei. Er spricht von einer sogenannten „bioplastischen Umhüllung“. Diese Verunreinigung könne großen Einfluss auf das C14-Messergebnis ausüben, weil diese lebendigen Mikroorganismen im Laufe der Zeit selbst weiter Kohlenstoffatome aufnehmen und so das Ergebnis verfälschten. Allerdings ist die Art und Weise dieser Beeinflussung noch nicht befriedigend erforscht.

Auch in der Ägyptologie gibt es die Erfahrung, dass die C14-Methode bei Grableinen Messfehler aufzeigt. In manchen Fällen schätzte die C14-Datierung die Mumienbinden um Jahrhunderte jünger ein als die Mumie selbst. Dass die Radiokarbonmethode unter bestimmten Umständen zu signifikanten Unschärfen führen kann, ist allgemein bekannt.

Angesichts all dieser Mängel ist es unerlässlich, die Summe aller anderen wissenschaftlichen Untersuchungsergebnisse dieser C14-Datierung von 1988 gegenüber zu stellen.

Die Identität des Mannes auf dem Tuch

Offenbar ergeben sich viele Merkmale, die sowohl für das Grabtuch als archäologischer Quelle als auch für Jesus von Nazareth aus dem Blickwinkel der Quelle des Neuen Testaments typisch sind. Müsste man nicht daraus schließen, dass der „Mann auf dem Tuch“ identisch ist mit Jesus von Nazareth?

Im Bereich der angewandten Wissenschaften gibt es die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Sie urteilt nicht nach wahr und nach falsch, sondern bestimmt durch die Angabe einer hypothetisch geschätzten Zahl den Grad der Wahrscheinlichkeit einer These. In unserem Falle würde man die Charakteristika bewerten, die „der Mann auf dem Tuch“ und Jesus von Nazareth – unabhängig voneinander – gemeinsam haben. Merkmalen, die bei Kreuzigungen eher typisch waren, wird ein höherer Wahrscheinlichkeitswert zugeordnet. Eher unüblichen Merkmalen ein niedrigerer Wahrscheinlichkeitswert. Am Ende der Rechnung zählt die Wahrscheinlichkeit, dass nämlich die berücksichtigten Eigenschaften alle auf einen einzigen Gekreuzigten unter einer maximal angenommenen Anzahl von Gekreuzigten im Zeitraum von Kreuzigungen überhaupt, zutreffen. Die folgende Aufstellung und zahlenmäßige Bewertung hat Bruno Barberis, Professor für mathematische Physik in Turin, erstellt.

1. Einhüllen in ein Tuch
Der „Mann auf dem Tuch“ wurde nach seinem Tod in ein wertvolles Tuch gehüllt und ehrenvoll bestattet. Dies war in der Römerzeit bei einer Kreuzigung sehr selten. Man ließ die Leichname entweder am Kreuz als leichte Beute der Tiere hängen oder man verscharrte sie etwa in einem Massengrab. Die Evangelien berichten, dass auch Jesus nach seiner Kreuzabnahme in ein Leinentuch gehüllt und anschließend in einer noch unbenutzten Grabhöhle bestattet wurde. (angenommene Wahrscheinlichkeit 1/100)

2. Die Kopfverletzungen
Beim „Mann auf dem Tuch“ erkennt man auf dem Kopf Verletzungen, die von einem Gegenstand wie einer Haube aus Dornen verursacht worden sein können. Ein für Kreuzigungen sehr seltenes und im Altertum nirgends belegtes Phänomen. Jesus wurde vor seiner Kreuzigung als Spotthuldigung mit einer Dornenkrone gekrönt. (angenommene Wahrscheinlichkeit 1/5000)

3. Das Tragen des Kreuzes
Sowohl der „Mann auf dem Tuch“, als auch Jesus trugen einen schweren Gegenstand auf den Schultern, wohl den Querbalken des Kreuzes. (angenommene Wahrscheinlichkeit 1/2)

4. Die Kreuzigung durch Nägel
Der „Mann auf dem Tuch“ war mit Nägeln ans Kreuz geschlagen worden, was ausschließlich bei gerichtlichen Verurteilungen zum Kreuzestod geschah. Auch Jesus wurde mit Nägeln, die ihm Hände und Füße durchdrangen, am Kreuz befestigt. (angenommene Wahrscheinlichkeit 1/2)

5. Wunde an der Seite
Dem „Mann auf dem Tuch“ wurden die Beine zur Beschleunigung seines Todes nicht gebrochen, aber er hat an der Seite eine Stichwunde, die ihm erst nach Eintreten des Todes zugefügt wurde. Auch Jesus wurden die Beine nicht gebrochen, aber es wurde auch ihm zur Überprüfung seines Todes die Seite mit einer Lanze geöffnet. (angenommene Wahrscheinlichkeit 1/10)

6. Die eilige und provisorische Bestattung
Gleich nach der Kreuzesabnahme wurde der „Mann auf dem Tuch“ ohne Waschung und Salbung ins Tuch gelegt. Für die Beigabe von Aloe und Myrrhe war offenbar gerade noch Zeit. Auch Jesus wurde nur mit einem Minimum jüdischer Bestattungsriten ins Grab gelegt. Wegen des nahenden Pascha-Festes (ab Sonnenuntergang) war für die Beendigung des Bestattungsritus keine Zeit mehr. (angenommene Wahrscheinlichkeit 1/20)

7. Die kurze Dauer des Verbleibs des Leichnams im
Leinentuch nach der Bestattung Der „Mann auf dem Tuch“ war nur für kurze Zeit in das Grabtuch gehüllt. Keinesfalls länger als 2 bis 3 Tage, da das Tuch keine Verwesungsspuren des Leichnams zeigt. Jesus wurde direkt nach seiner Kreuzesabnahme in ein Leinentuch gehüllt. Nach einer Zeitspanne von maximal vierzig Stunden wurde im vorher streng bewachten Grab nur mehr noch das Leinen, nicht aber mehr der innenliegende Leichnam gefunden. (angenommene Wahrscheinlichkeit 1/500)

Die Wahrscheinlichkeit, dass alle diese sieben Charakteristika gleichzeitig auf einen einzigen Gekreuzigten zutreffen, steht somit bei 1 zu 200 Milliarden. Daraus folgt rechnerisch, dass nur ein Gekreuzigter unter 200 Milliarden diese sieben Merkmale auf sich vereinigen könnte. Weil diese sieben beschriebenen Merkmale des Mannes auf dem Grabtuch aber in historischen Quellen beschrieben werden, nämlich im Zeugnis der Evangelien von der Passion Jesu von Nazareth, und es darüber hinaus in der Geschichte weit weniger als 200 Milliarden Kreuzigungen gegeben hat, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass der Mann auf dem Grabtuch Jesus von Nazareth gewesen sein könnte.