Navigation
Turiner Grabtuch

Geißelung

Der »Mann auf dem Grabtuch« war einmal um die 1,80 Meter groß. Er war nackt, seine Arme sind angewinkelt, seine Hände bedecken die Scham. Der ganze Körper, speziell der Rücken, aber auch die Hüften und die Oberschenkel, ist von über hundert kleinen, oft hantelförmigen Wunden überzogen.
Sie sind Spuren einer Geißelung.

Nach dem Gesetz des Moses, das auch die Römer in Judäa respektierten, durften höchstens »vierzig weniger einen«, also 39 Schläge ausgeteilt werden (siehe 5 Mos 25,3). Insofern war es eine kleine Sensation, als der Forscher Msgr. Giulio Ricci 1969 auf dem Grabtuch-Abbild exakt 117 Wunden zählte (39 x 3), die von Schlägen aus zwei Richtungen stammen. Der »Mann auf dem Grabtuch« ist also eindeutig nach römischer Art, aber in Judäa gegeißelt worden.

Die Geißelung war eine furchtbare Strafe, die der Züchtigung diente. Der Verurteilte musste sich ausziehen und wurde mit den Händen an eine niedrige Säule gebunden. Der Rücken blieb gebückt. Von zwei Seiten schlugen die Henkersknechte mit Geißelpeitschen auf ihn ein, »bis kein Körperteil ohne Schmerzen blieb«. Die Peitschen bestanden aus einem Holzgriff mit drei Lederriemen, an denen kleine Bleihanteln befestigt waren. Diese verursachten blutige Wunden.

Wunden an den Händen

Die Handgelenke sind von tiefen, quadratischen Wunden von etwa einem Zentimeter Durchmesser durchbohrt. Eine starke Blutspur beginnt am rechten Handgelenk, eine andere schlängelt sich über den linken Unterarm. Dieses Detail allein überzeugte viele Experten, dass das Turiner Grabtuch keine Fälschung sein kann: Jeder Künstler hätte sich an die ikonografische Tradition gehalten und die Nagelwunden in den Handtellern dargestellt.
Denn laut dem Johannes-Evangelium wollte der Apostel Thomas »Die Male der Nägel an seinen Händen« (Joh 21,25) sehen. Doch das griechische Wort, das der Evangelist benutzte, »cheiros«, kann beides, Hand und Arm, bedeuten. Tatsächlich hätte der Handteller nie das Gewicht eines menschlichen Körpers halten können. Nur eine Spalte in den Handgelenkknochen ist dazu stark genug. Wird dabei ein Nerv verletzt, krümmt sich der Daumen unwillkürlich nach innen. Folgerichtig sind auf dem Grabtuch nur vier Finger zu sehen. Die Nägel, die von den Römern für Kreuzigungen verwendet wurden, waren quadratisch, hatten einen Durchmesser von einem Zentimeter, wie ein Grabfund in Jerusalem belegt.

An den Füßen

Auch an den Füßen erkennt man stark blutende Wunden. Die ganze Körperhaltung des Gekreuzigten wirkt steif und unnatürlich. Es ist kein Hals zu sehen, die Beine sind angewinkelt, die Füße scheinen aufein-ander gelegen zu haben. Das ganze Körpergewicht des Verurteilten hing nur an den beiden Nägeln, die sein Handgelenk durchbohrten, als die Soldaten den Querbalken an dem Pfahl hochzogen, der schon an der Hinrichtungsstätte stand. Sie hängten ihn oben an dem Pfahl auf,  der mit dem Balken ein Kreuz bildete. Dann ergriffen sie die Füße, legten sie aufeinander und schlugen sie mit einem weiteren Nagel an das Holz des schmalen Pfahles. Auf der rechten Fußsohle unterbrechen Fingerabdrücke die Blutspur. Sie stammen wohl von einem Männer, die später den Leichnam in sein Grab trugen. 

Dornenkrone

Der »Mann auf dem Grabtuch« trug sein Haar lang und am Hinterkopf zu einer Art Pferdeschwanz zusammengebunden. Auf dem Grabtuch ist die ganze Kopfhaut und Stirn von blutenden Wunden übersäht. Eine große Blutspur in Form einer umgekehrten »3« ist auf seiner Stirn zu sehen. Auf dem Hinterkopf hatte er gleich mehrere tiefe Verletzungen. Offenbar trug er eine Dornenhaube. Die Wunden der Dornenkrone sind ein starker Hinweis, dass der »Mann auf dem Grabtuch« Jesus ist.
Denn nur er, als »König der Juden« verurteilt, wurde mit einer Dornenkrone verspottet. Auch Spuren von Faustschlägen sind auf dem Grabtuch-Abbild zu sehen. Schwellungen auf der Stirn, den Augenbrauen, der rechten Schläfe und der Unterlippe zeugen von der Brutalität der Soldaten.

Kronen waren im Nahen Osten immer Prunkhauben und so müssen wir uns auch die Dornenkrone Jesu eher als Dornenhaube vorstellen. Zusammengehalten
und an den Kopf gedrückt wurde das Gestrüpp durch einen Kranz aus geflochtenen Binsen.

Stich mit der Lanze

Die stärkste, blutreichste Wunde ist an der rechten Seite des Mannes zu sehen. Sie verursachte eine Blutspur, die auf beiden Seiten hin zum Rand des Tuches reicht.

Weil der Sabbat, der Feiertag der Juden, und zudem das Pascha-Fest anbrachen, töteten die Soldaten abends die Gekreuzigten. Nur Jesus war bereits tot. Doch um sich dessen auch sicher zu sein, stieß der Soldat zu. Auf dem Grabtuch sieht man die Seitenwunde. Hier floss das meiste Blut, aber auch wässriges Serum. Gerichtsmediziner konnten dadurch die Todesursache Jesu feststellen. Der »Mann auf dem Grabtuch« starb an einem sogenannten »traumatischen Schock«.

Die Geißelung hatte zu einer starken Schwächung des Kreislaufs geführt. Die Folge war, dass sich Blut und Flüssigkeit in der Lunge ansammelten. Das Trauma, der Schock und starke Schmerz bei der Annagelung, gefolgt von der stundenlangen Qual am Kreuz, führten schließlich zum Kollaps. Die Flüssigkeit in der Lunge bewirkte einen Herz- und Atemstillstand und damit den Tod. Als der Soldat zustach, durchstieß er die Lunge und traf den Herzvorhof, was zum Ausfluss von »Blut und Wasser« (siehe Joh 19,34) führte.

Medizinisch passt also alles zusammen, ergibt sich ein klares Bild, das die Schilderungen der Evangelisten vom Kreuzestod Jesu bestätigt!

Weitere Informationen