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Turiner Grabtuch

Fotografie

1898 ist ein besonderes Jahr in Italien.
Das Land feiert den 50. Geburtstag seiner Verfassung. Zudem wird die Kathedrale von Turin, der alten Residenzstadt, 400 Jahre alt.
Deshalb ordnet König Umberto I. an, dem Volk seinen kostbarsten Besitz zu zeigen: Ein Tuch, in das der Überlieferung nach Jesus Christus gehüllt wurde, 
als man ihn in sein Grab legte.
Ein Tuch, das ein schattenhaftes Bild eines gekreuzigten Mannes zeigt. 

Aus Anlass des Jubiläums soll das geheimnisvolle Tuch erstmals fotografiert werden.
Die Erlaubnis dazu erhält Secondo Pia, Rechtsanwalt und Bürgermeister der Stadt Asti, ein leidenschaftlicher Hobbyfotograf.

Grabtuchkunde

Wenn man normalerweise einen Menschen fotografiert, erscheinen auf dem Negativ nur geisterhafte Konturen. Erst auf dem Abzug stimmen Licht und Schatten wieder.

Doch was Secondo Pia jetzt auf der Platte sieht, ist das genaue Gegenteil.

Der »Mann auf dem Tuch« erscheint plötzlich ganz lebendig und realistisch. Aus seinem maskenhaften Schatten wird ein ausdrucksstarkes Gesicht.
Das Negativ wird zum Foto.
Doch wie entstand das mysteriöse Abbild? 

Darüber streiten seitdem die Wissenschaftler.

Eigenschaften des Turiner Grabtuches
Das Tuch, das Secondo Pia fotografierte, ist ein 4,40 Meter langes und 1,13 Meter breites Leinentuch mit einem angenähten Saum. Es ist ein kostbares Tuch, in einem aufwändigen Fischgrät-Muster gewebt.
Auf dem Tuch sieht man in voller Länge das Abbild eines Mannes in Vorder- und Rückansicht. Bis heute gibt es nur Theorien darüber, wie es entstanden ist.

Als erstes fallen seine zahlreichen Löcher auf.
Das sind Brandspuren. Die größeren von ihnen entstanden, bevor das Tuch nach Turin gebracht wurde. 

Seit Secondo Pias Entdeckung bemühen sich Wissenschaftler, dem Geheimnis des Turiner Grabtuchs auf die Spur zu kommen.

Ihre Forschungen nennt man »Sindonologie«. »Sindon« ist das griechische Wort, das die Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas für das Grabtuch Jesu benutzen. »Sindonologie« heißt also so viel wie »Grabtuchkunde«.

  • Durch Secondo Pias Entdeckung wird eine neue Wissenschaft geboren.

Erster Sindonologe ist ein Professor für Anatomie an der Pariser Sorbonne, Dr. Yves Delage. Er ist überzeugt: Kein Künstler des Mittelalters hätte einen menschlichen Körper medizinisch so korrekt darstellen können, wie er auf dem Turiner Grabtuch zu sehen ist. Als er seine Erkenntnisse an der Pariser Akademie der Wissenschaften vorstellt, wird er heftig angegriffen.

Pflanzenkunde


1973 erlaubt Ex-König Umberto II. erstmals Forschung am Grabtuch: Einer der ersten Wissenschaftler, die nach Turin kommen, ist der bekannte Schweizer Kriminologe Dr. Max Frei-Sulzer. Er ist Fachmann auf dem Gebiet der Pflanzenkunde und der Mikrobiologie. So kommt er auf die Idee, das Turiner Grabtuch auf Pollen zu untersuchen.

Dr. Frei-Sulzer stirbt 1983. Seine Witwe übergibt die Glasplatten mit den Klebestreifen einem amerikanischen Grabtuch-Forscher, Prof. Alan Whanger. Er will eine zweite Meinung zu der Arbeit des Schweizers einholen. Also zeigt er sie dem israelischen Pflanzenkundler Prof. Dr. Avinoam Danin, der an der Hebräischen Universität in Jerusalem lehrt. Er kennt sich in der Pflanzenwelt des Heiligen Landes besser aus als jeder andere.

Während sich von den meisten Pflanzenarten nur eine oder zwei Pollen auf den Klebestreifen finden lassen, stammen ganze 91 Pollen von der »dornigen Distel« (Gundelia tournefortii). Als Prof. Danin 2000 die Möglichkeit bekommt, das Grabtuch in Turin direkt zu inspizieren, entdeckt er einen Abdruck dieser Distel auf dem Leinen.

Doch er bemerkt auf dem Tuch noch einen zweiten Abdruck, den er ebenfalls identifizieren kann. Er stammt von einem Zweig mit Blüten des »buschigen Jochblatts« (Zygophyllum dumosum),  einer äußerst seltenen Pflanze, die nur auf dem Sinai und in der Wüste rund um das Tote Meer wächst. Das einzige Gebiet, in dem man beide Pflanzen gleichzeitig findet, ist ein schmaler Streifen, der sich von Jerusalem bis Hebron erstreckt. Nur dort kann das Grabtuch herstammen.

Bildanalyse

In Amerika erfährt Prof. John Jackson von den ersten wissenschaftlichen Untersuchungen des Grabtuchs und wird neugierig. Er ist theoretischer Physiker und Professor an der Akademie der Amerikanischen Luftwaffe im US-Staat Colorado. 

1976 kommt Jackson mit einem Wissenschaftler der US-Raumfahrtbehörde NASA in Kontakt. Die USA schickten zu dieser Zeit eine Sonde zum Mars, die Fotos von der Planetenoberfläche zur Erde sendet. Um mit Hilfe dieser Luftaufnahmen eine genaue, dreidimensionale Karte des Planeten zu erstellen, wurde ein spezieller Bildanalyse-Computer entwickelt, der VP8.

Jackson bittet einen NASA-Mitarbeiter, versuchsweise ein Grabtuch-Foto in diesen Computer einzuspeisen, um zu sehen, was passiert.

Als sich das Ergebnis langsam, Zeile für Zeile, auf dem Computermonitor aufbaut, staunen die beiden Wissenschaftler. Denn dort erscheint ein perfektes, dreidimensionales Bild eines liegenden Mannes.

Damit ist für die Wissenschaftler klar, dass es sich bei dem Grabtuch-Abbild um kein Gemälde handeln kann.

Beide Münzen hat es tatsächlich gegeben.
Sie stammen aus Judäa und wurden in den Jahren 29–32 n. Chr. im Auftrag des Statthalters Pontius Pilatus geprägt. Archäologen finden in jüdischen Gräbern aus der Zeit Jesu immer wieder Münzen.
Man benutzte sie, um die Augen eines Toten verschlossen zu halten.

Auf dem Lid des rechten und der Augenbraue des linken Auges bemerken sie zwei gleichgroße, kreisrunde Unregelmäßigkeiten.

Sie sehen aus wie Münzen und haben den Durchmesser eines 1 Cent-Stücks. Sogar Schriftzeichen sind zu erkennen.

Blut, Staub, Mineralien

Eine der wichtigsten Fragen, die sich die Wissenschaftler stellen, ist, ob die Blutflecken auf dem Grabtuch von menschlichem Blut, von Farbe oder von Tierblut stammen. Die Aufnahmen unter den verschiedenen Filtern zeigen, dass das Blut wirklich aus den Wunden ausgetreten ist und nicht mit dem Pinsel aufgetragen wurde.

Unter dem Mikroskop lassen sich rote Blutkörperchen identifizieren. Auch DNS ist noch vorhanden. Es ist menschliches Blut der Blutgruppe AB. Sie kommt in Israel doppelt so häufig vor wie in europäischen Ländern.
Die Wissenschaftler finden heraus, dass der Tote etwa 1,80 Meter groß gewesen ist und wohl um die 76 Kilogramm wog. Der »Mann auf dem Grabtuch« muss zwischen 30 und 40 Jahre alt gewesen sein. 

Warum ist das Blut so gut erhalten?

Dass das Blut auf dem Grabtuch nach der langen Zeit so gut erhalten ist, hat seinen Grund:

Durch chemische Reaktionen, unter dem Mikroskop und durch eine Neutronenaktivierung können die Wissenschaftler auf dem Grabtuch Spuren von Aloe und Myrrhe nachweisen, die konservierend wirken.

Material

Das Turiner Grabtuch wurde eindeutig nicht nach dem mittelalterlichen, sondern nach einem antiken Verfahren hergestellt.
Die Fäden wurden vor der Verarbeitung eingefärbt, nicht, wie im Mittelalter üblich danach.
Die Fadendrehung im Z-Muster ist typisch für die römische Zeit.

Das Fischgrät-Muster fand man schon bei altägyptischen und syrischen Stoffen. 
Den endgültigen Beweis, dass es von antiker Webart ist, erbrachte die Textilarchäologin Dr. Mechthild Flury-Lemberg.
Sie fand heraus, dass die Gewebestruktur und die spezielle Eigenart der Webkantenbildung des Grabtuches ihre Parallelen in antiken Stoffen haben, die man in den Ruinen von Masada fand.
Das ist eine jüdische Festung aus der Zeit Jesu,
die 73 n. Chr. von den Römern zerstört wurde.

Datierung

1988 wurde eine Probe vom Rand des Turiner Grabtuchs an drei Laboratorien in Zürich (Schweiz), Oxford (England) und Tucson (USA) einer Radiokarbondatie-rung (C14) unterzogen. Das Ergebnis: Das Leinen soll erst zwischen 1260 und 1390 entstanden sein. Dieses Ergebnis wird heute von vielen Experten, darunter selbst dem Leiter des Oxforder Labors, infrage gestellt: »Schon eine Verunreinigung von 2 % genügt, um das Ergebnis um 1500 Jahre zu verfälschen«, erklärt Prof. Christopher Ramsey 2008. Als man altägyptische Mumien mit der C14-Methode untersuchte, ergab die Datierung in vielen Fällen, dass die Mumienbinden angeblich viele Jahrhunderte (in einem Fall ganze 1765 Jahre!) „jünger“ seien als die Mumien selbst.
Der Vanillin-Gehalt lässt das Alter des Materials bestimmen: Prof. Ray Rogers war ein Chemiker der Los Alamos-Nationallaboratorien und lehrte an der Universität von Kalifornien in Los Angeles. 2003 erhält er zwei Fäden vom Grabtuch: einer stammt von der Stelle, an der die C14-Proben entnommen wurden, der andere von der Mitte des Leinens. Als er beide untersucht, stellt er einen wichtigen Unterschied fest. Er betrifft den Gehalt an Vanillin. Das ist der Stoff, der entsteht, wenn das Lignin des Leinens unter Wärmeeinfluss zerfällt. Da dieser Zerfall ziemlich gleichmäßig stattfindet, kann er dazu dienen, das Alter des Materials zu bestimmen.

Das Abbild

Als die Wissenschaftler das Körperbild untersuchten, fanden sie keine Spuren von irgendwelcher Farbe. Das Abbild wurde einzig und allein durch eine verstärkte Vergilbung der obersten Fasern des Leinens erzeugt. Jeder Faden des Tuches besteht aus 70–120 haarfeinen Fasern. Nur die obersten sind betroffen. Sie sind ausgetrocknet und rissig. Diese Schicht ist so dünn wie die Haut einer Seifenblase. Je näher das Tuch am Körper dran war, desto stärker vergilbten seine Fasern.
Vergilbung nennt man es, wenn etwa ein weißes Laken oder ein Blatt Papier zu lange in der Sonne liegen bleibt – dann verfärben sie sich gelblich. Beim Turiner Grabtuch fand dieser Prozess in der Körperregion offenbar extrem schnell statt und formte das Bild des Gekreuzigten. Und noch etwas ist sicher: Das Bild kann erst nach den Blutflecken entstanden sein; unter ihnen wurde keine Verfärbung festgestellt. Nur eine Strahlung, die nach der Grablegung vom Körper selbst ausgegangen sein muss, erklärt diesen Befund.

Aus dem Abschluss-Bericht:

»Die Wissenschaftler sind sich einig, dass das Bild durch etwas erzeugt wurde, das zur Oxidation (Sauerstoffaufnahme) und Dehydration (Wasserentzug) der Mikrofasern des Leinens führte. Solche Veränderungen können durch unterschiedliche chemische und physikalische Prozesse entstehen. Kein bekannter chemischer oder physischer Prozess kann die Entstehung des Bildes völlig erklären, auch keine Verbindung physischer,chemischer, biologischer und medizinischer Umstände.«

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